Akademikermangel in Deutschland? So ganz muss das nicht stimmen

Immer wieder werden die im Herbst 2008 von der OECD veröffentlichten Zahlen „Bildung auf einen Blick“ zitiert: sie legen den Schluss nahe, dass Deutschland im internationalen Vergleich nur ein schlechtes Ergebnis im Bereich der Akademikerausbildung erreicht. Demnach hätten im Jahr 2006 lediglich 21,2 Prozent der typischen Altersgruppe ein Hochschulstudium abgeschlossen, im OECD-Vergleich seien es hingegen 37,2 Prozent. 21,2 Prozent Absolventenquote verglichen mit 37,2 Prozent – das ist kein gutes Ergebnis für Deutschland. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat die OECD-Indikatoren nun genauer untersucht und kommt zu einem überraschenden Schluss: alles halb so wild.
"Undifferenziert von einem bedrohlichen Akademikermangel zu sprechen, erscheint unbegründet, auch wenn in bestimmten technisch und naturwissenschaftlich geprägten Beschäftigungsbereichen heute schon hochqualifiziertes Personal fehlt“, so Manfred Kremer, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung. Denn wenn man den Akademikeranteil in der Erwerbsbevölkerung heranziehe und diesen unter Berücksichtigung der nationalen Besonderheiten interpretiere, komme man zu einem anderen Schluss: demnach liege der entsprechende Akademikeranteil unter den 25- bis 64jährigen in Deutschland mit 24 Prozent im Gegensatz zu dem Absolventenanteil lediglich leicht hinter dem OECD-Durchschnitt von 27 Prozent zurück.
In Deutschland würden zudem Kompetenzen, die in Ländern ohne ein hoch entwickeltes Berufsbildungssystem an Hochschulen vermittelt werden, häufig durch berufliche Aus- und Weiterbildung erworben. Aus den Zahlen könne man eher den Schluss ableiten, dass in Deutschland Bildung und Beschäftigung besser aufeinander abgestimmt seien als in anderen OECD-Ländern.
Zwar bleibe die Ausbildung hochqualifizierter Fachkräfte nach wie vor eine sehr wichtige Aufgabe in Deutschland, um künftig einen Mangel an Fachkräften zu vermeiden. Die OECD-Studie müsse aber auf jeden Fall differenzierter betrachtet werden, als dies in der öffentlichen Diskussion häufig geschehe, so das BIBB.
