Punkten im Case Study Wochenende
Unternehmensberatungen werben mit Recruiting-Events an lukrativen Orten um die besten Absolventen. Doch Fachwissen allein führt nicht zum Arbeitsvertrag.
Die großen international tätigen Beratungen investieren viel ins Recruiting und locken Studierende immer wieder mit „Case Study-Wochenenden“ in Venedig, Segeltörn, Tripps in die Sonne und vielem mehr. Was vielleicht nach Urlaub klingt ist jedoch ein von Anfang bis Ende durchstrukturiertes verdecktes Auswahlverfahren. Denn das Wochenende dient einzig und allein dazu, aus der Vielzahl der Teilnehmer die für das Unternehmen interessantesten (sprich:am besten passenden) Studierenden auszuwählen. Die Studierenden werden dazu mit den unterschiedlichsten Aufgaben konfrontiert, selbst Freizeitaktivitäten sind geplant und dienen zur Beobachtung der Kandidaten. Analytisches Denkvermögen alleine reicht hier nicht aus, um sich von den anderen zu differenzieren und zu punkten. Schon der bewußt locker gehaltene Umgang mit den begleitenden Beratern ist eine Art Test. Gibt der Bewerber im Smalltalk seine Unsicherheiten und Schwächen in einer der tagsüber absolvierten Aufgabenstellungen Preis, so kann dies gleich negativ gewertet werden. Denn oberstes Gebot in der Beratungswelt ist die positive Selbstdarstellung. Man muß sich permanent gut verkaufen, auch wenn man sich seiner Sache nicht ganz so sicher ist oder noch keinen Lösungsansatz für die Aufgabenstellung gefunden hat. Auch sollte man seine Kunden z.B. bei einem Geschäftsessen nie langweilen, sprich auch außerhalb der Arbeit auf unterhaltsame Weise etwas zu erzählen haben. Dies wird ebenfalls gerne im Zweiergespräch in ungezwungener Atmosphäre ausgelotet.
Ein „Case Study-Wochenende“ ist also insbesondere ein gutes Training der Selbstdarstellungskünste. Dies führt gegebenenfalls eher zum Erfolg als die Suche nach einem perfekten Lösungsansatz für die jeweilige Aufgabenstellung. Denn hinter dem Recruiting-Event verbirgt sich ein vielschichtiger Assessment Center, bei dem vor allem die Soft Skills abgeprüft werden. Man sollte also trotz der Urlaubsatmosphäre nicht unterschätzen, was das Begleitpersonal alles mithört und interpretieren wird.
